99 Kilometer

Eine unsichtbare Decke, geflochten aus schweren, immer schneller tickenden Uhren legt sich über den, in der Hitze flimmernden, Sonntagnachmittag in dessen unendlicher Kürze Sekunden über Taschen stolpern: im Wettkampf um die Flut vieler nutzloser Dinge. Genau dort mittendrin ringe ich um Überwasser, Luft und Leichtigkeit.

Die Frequenz der quälenden, drängenden Minuten erhöht sich kongruent zu meinem Puls.

Der Motor klackert, die immer gleiche Handbewegung: Gang rein, Gang raus, Blinker an, Blinker aus. Immer gleiche Fahrzeuge und immer gleiche Menschen: Viele, langsame Menschen. Eingepresst in Kleider aus Blech stehen, rollen, drängeln sie, gönnen sich viel zu selten tiefe Atemzüge aus frisch gestopften Zigaretten. Qualm drängt aus allen Ritzen ihrer Autos und vernebelt mir die Sicht.

99 Kilometer Zwang, Angst, Magendrehen und Sehnsucht. Dann löst sich alles auf im Abendhimmel, der Zuckerwatte gleicht, den Horizont ins Unendliche erstreckt und die Vielfalt einer Farbpalette – nuanciert auf meine Stimmung und Intension – befreiend offenbart.

Grün, Blau, Rot, Violett…. 99 Farben bei Kilometer 99.

Und 99 mal Sehnsucht:

Heimweh, Loslassen müssen, ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Drucks, der Ohnmacht und der schleichenden, unaufhaltsamen Entfernung des Körpers vom Mittelpunkt seines Herzen.

Es wehrt sich mit aller Kraft gegen die Reise seiner Hülle: Nach unten – in den Bauch.

Nach oben in den Kehlkopf, wo er sitzt, der Kloß…und wächst und – wie auch immer es ihm gelingen mag – auf die Tränendrüse springt, im unbändigen Willen, sie zum Überfluss anzuregen.

Doch er verliert.

 

99 Tränen weichen aus. Sie bahnen sich ihren eigenen Weg nach unten, über den Kehlkopf in den Bauch, wo seither die Schmetterlinge um ihr Leben schwimmen, um später wieder fliegen zu können.

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