Der Spagat zwischen “ich” und Integration

Ich sitze am Boden. Er ist ein bisschen staubig. Aber nur so, dass er gerade eben nicht blitzeblank ist.

Mühevoll versuche ich meine Beine in beide Richtungen gleichzeitig zu lenken. Die Zehen dabei nach vorne durchgedrückt, die Waden gestreckt, so dass die Knöchel in der Luft sind, und von dort aus eine geschwungene Welle zu meinem auf Grund gelaufenen Körper bilden: über die Tiefen der Schienbeine und die Höhen der Knie.

Meine Haare sind zu kurz für einen hochgesteckten Ballerina-Dutt und ich trage einen gemütlichen Jumpsuit, keinen Body, kein Tutu, keine Stulpen… aber das ist egal.

Trotz verschiedener Tanz-, Akrobatik- und anderer Turneinheiten gelingt mir kein Spagat. Ehrlicherweise habe ich mich auch nie gewissenhaft damit befasst und bittere Trainingsstunden gestaffelt, um meinem Ziel näher zu kommen.

Was macht den Spagat so besonders? Abgesehen davon, dass er – je nach Typ – sehr schwer zu erlernen ist, wenn man das stattliche Alter von 4 Jahren überschritten hat?!

Der Körper demonstriert die Maxime seiner Flexibilität sowie seine Kompetenz, die höchstmögliche Spannung zu instrumentalisieren, um zwischen zwei Punkten die Mitte zu finden.

Doch noch viel lieber als den, meine Beine wie sehnige Fühler in zwei um 180° entgegengesetzte Richtungen drückenden, körperlichen Impuls, würde ich diese Leistung seelisch beherrschen, um die ganze Bandbreite an Herausforderungen unter einen Hut bringen…

Und die größte Herausforderung bin ich dabei selbst.

Vor gut einem Jahr habe ich eine Ausbildung begonnen. Eine Ausbildung, die hunderte, junge Menschen (hauptsächlich Jungs) Tag und Nacht auf einem Gelände versammelt. Anfangs konnte ich mich ganz gut in dieses Gemenge integrieren.

Ich nutzte die fünf Tage und die fünf Nächte, die ich jede Woche dort verbringe, um Leute kennen zu lernen und mich von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen mitreißen zu lassen. Frauenfeindliche Witze wurden in Kauf genommen, Sommernachmittage gemeinsam im Schwimmbad, die -abende draussen am Grill verbracht. “Party” unter der Woche – ein immer gleiches Trinkspiel, das der Masse nicht zu langweilig wurde.

Die neu zusammengewürfelte Spaßgesellschaft waberte in sich selbst ziellos dahin. Es war kein Platz für tiefgängige Gespräche. Das Leben war leicht. Und wenn es das nicht war, dann machte man es sich leicht. Und nahm alles auf ebendiese Schulter.

Doch ohne es selbst zu merken, entfernte ich mich von “mir selbst”, von meiner Identität und meinem Anker. An der Oberfläche mitwabernd riss mein Ich-Kontakt durch die, im Gemeinschaftsgefühl entstandenen, Aufschwünge unbemerkt ab.

Kritik von den Menschen, die mich am besten kannten “Du bist nicht mehr du!” konnte ich nicht akzeptieren. Bis mich ein Schicksalsschlag nach unten zog. Kopfüber polterte ich von den Wellen der Sorglosigkeit zurück zu meinen Wurzeln, wo ich unsanft mit mir selbst konfrontiert wurde.

Überwältigt vom Aufprall und der Realität begann eine schmerzhafte Phase der Neuorientierung. In der Zwischenzeit waberte die Menge weiter… weg von mir.

In einem bekannten christlichen Lied heißt es “Schwimme gegen den Strom!” Doch die Distanz zum “Strom” ist mittlerweile zu groß. Wie soll ich mich gegen etwas stellen, das sich nicht mal ansatzweise in meiner Nähe befindet. “Schwimme dem Strom hinterher” wäre der passendere Appell.

Ich bin zerrissen, zwischen der Zugehörigkeit an der sorgenlosen Oberfläche und mir. Ein Spagat wäre jetzt hilfreich…aber den habe ich nie gelernt.

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