Elena Ferrante – Die Geschichte der getrennten Wege


Titel: Die Geschichte der getrennten Wege

Autor: Elena Ferrante

Verlag: Suhrkamp

Wort.boutique Rating: 

Originalität: (3,0 / 5)
Spannung: (4,0 / 5)
Sprache: (4,0 / 5)

Kaufempfehlung: ja

Leseempfehlung: im Alltag (benötigt ein bisschen Zeit)


Ganz schön lange musste ich mich gedulden, bis die Fortsetzung von “Meine geniale Freundin” und “Die Geschichte eines neuen Namens” auf meinem kindle angekommen ist. Beinah hätte ich es dann übersehen 🙂

Der Autor / die Autorin unter dem Pseudonym “Elena Ferrante” steigt ohne Umschweife in die Geschichte der getrennten Wege ein. Ein kurzer Vorspann holt den Leser ab, erklärt die gegenwärtige Lebenssituation der beiden Freundinnen Lenu und Lila.


Von Beginn an entwickelt sich die Freundschaft der beiden in einander entgegen gesetzte Richtungen. Sie durchläuft, dem unterschiedlichen Entwicklungsprozess der jungen Frauen geschuldet, kontroverse Diskussionen und Lebensansichten. Trotz allem versuchen die beiden mühselig, das Verhältnis aufrecht zu erhalten. Doch die, durch eine räumliche Entfernung der Lebenswelten – Florenz und Neapel – begünstigte, Distanz überträgt sich auch auf die innere Verbundenheit und seelische Nähe. Ganz egal, ob die persönlichen Empfindungen eine Möglichkeit zum Austausch bekommen (telefonisch oder bei Besuchen) oder ob gerade Funkstille zwischen den beiden herrscht. Die beste Freundin Lila schwebt in jeder Sekunde wie ein Geist über den intimen Zeilen der Ich-Erzählerin.

So dass ich manchmal erwog, sie anzurufen…um mir dann von ihr sagen zu lassen, wie sie darüber dachte, und sie Schritt für Schritt aus der Reserve zu locken. Ich tat es natürlich nicht, es war lächerlich, am Telefon Offenheit über diese Dinge zu verlangen.

Lila ist in den inneren Ungereimtheiten, die Elena mit sich selbst ausmacht ständig anwesend und die mögliche Meinung der besten Freundin zieht trotz deren physischer Abwesenheit im Kopf der Erzählerin endlose Kreise.


Sprachlich und intellektuell übersteigt Elena Ferrantes Erzählweise häufig meine politische Kompetenz und Denkfähigkeit. Dennoch macht es außergewöhnlich viel Freude, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen. Arbeiterkämpfe, Aufstände und der italienische Faschismus werden detailliert recherchiert in lebhafte Diskussionen eingeflochten. Treu hält sich der Leitgedanke Lilas:

Die widerliche Fratze der Dinge genüge nicht, um daraus einen Roman zu machen. Ohne Phantasie wirke sie nicht wie ein wahres Gesicht, sondern wie eine Maske.


Elenas herausfordernde Entwicklung vom Kind, das im armen und baufälligen Rione aufwächst, zur studierten, wohlhabenden Ehefrau zeichnet sich auch in diesem Teil in vielen Situationen deutlich ab:

Und ich merkte, dass sich durch meine Nervosität der dialektale Eintrag verstärkte, dass mir einige Wörter im Neapolitanisch des Rione unterkamen, dass der Rione – vom Hof über den Stradone bis hin zum Tunnel – mir seine Sprache aufzwang, die Art, zu agieren und zu reagieren, seine Figuren, die in Florenz nur wie verblasste Bilder wirkten, hier aber aus Fleisch und Blut waren.

Vielleicht ist ihre Herkunft auch ein Grund dafür, dass ihre Ehe mit dem gutbürgerlichen Pietro scheitert, sie mit der Kinder-Erziehung anfangs hoffnungslos überfordert ist und sich keine weiteren schriftstellerischen Erfolge einstellen. Vielleicht ist es aber auch die Konfrontation mit der ewig besseren Lila. Jene bildet sich in diesem Teil der Erzählung besonders heraus. Ständig wird Lila angezogen, weg gestoßen, schuldig gemacht, bemitleidet. Diese Ambivalenz hält nie inne und sorgt für emotionale Spannung, im wahrsten Sinne des Wortes.

…hatte er dafür gesorgt, dass Lila mich in den Schatten stellte, hatte geradezu verlangt, dass ich diesem In-den-Schatten-Stellen selbst zustimmte, indem ich die einzigartigen Fähigkeiten meiner Freundin öffentlich anerkannte.

Der immerwährende Wettkampf, der sich schon von Kindesbeinen an in die Freundschaft gefressen hat, bleibt weiter bestehen und beeinflusst die Beziehungskultur der mittlerweile dreißigjährigen Frauen enorm. Pietro, Elenas Mann, analysiert die Situation klar:

Pietro schüttelte energisch den Kopf und fügte zu meiner Überraschung hinzu, Lila sei für ihn von allen die Schlimmste gewesen. Er sagte, sie sei auf keinen Fall meine Freundin, sie könne mich nicht ausstehen, sie sei zwar außergewöhnlich intelligent, sei zwar sehr charmant, aber sie missbrauche ihre Intelligenz – eine bösartige Intelligenz, die Zwietracht säe und das Leben hasse -, und ihr Charme sie das Unerträglichste, ein Charme, der versklave und in den Ruin treibe.


Der Leser wird zwischen Diskussionen, politischen Ansichten und

Intellekt-Anmaßungen hin und her geworfen und kann sich selbst ein Urteil darüber bilden. Jede Meinung scheint in diesem Buch vertreten zu sein. Genau deswegen und auch aufgrund der überraschenden Entwicklung in Elenas Ehe hat es mich auch so aufgewühlt. Eine Reise in die Sphären eines unglaublich intelligenten Kopfes, versüßt mit den aufregenden Gefühlen um Freundschaft, Familie, Erfolg und Liebe.

…während ich in und zwischen den Wörtern wühlte, stellte ich mir am Ende manchmal vor, was aus meinem und Lilas Leben geworden wäre, wenn wir beide die Aufnahmeprüfung für die Mittelschule absolviert hätten und dann das Gymnasium und dann das ganze Studium bis zum Diplom, Seite an Seite, aufeinander eingespielt, ein perfektes Paar, vereint durch die Kraft des Intellekts und die Freude am Verstehen und Erfinden.

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