Elena Ferrante – Die Geschichte eines neuen Namens


Titel: Die Geschichte eines neuen Namens

Autor: Elena Ferrante

Verlag: Suhrkamp

Wort.boutique Rating: 

Originalität: (4,0 / 5)
Spannung: (4,0 / 5)
Sprache: (3,0 / 5)

Kaufempfehlung: ja

Leseempfehlung: im Alltag (benötigt ein bisschen Zeit)


Die Fortsetzung von “Meine geniale Freundin” spinnt den Faden zwischen den Freundinen Elena und Lina immer enger. Dem Autor, der unter dem Pseudonym “Elena Ferrante” unvorhersehbare Begebenheiten aneinanderreiht, ist es mal wieder gelungen, Spannung, Gefühle, Klassenunterschiede und neapolitanische Bräuche so detailreich zu beschreiben, dass ich sofort nach Beenden dieses Buches in den Rione fahren wollte. (am liebsten mit der Vespa 🙂 )

 

Lina (von der Erzählerin Elena liebevoll Lila genannt) hat den betuchten Stefano Carracci geheiratet.
“Sie fühlte sich unbehaglich bei dem Gedanken, dass der Besitz der schönen, neuen Dinge nur durch den Namen dieses einen Menschen garantiert war, der im Zimmer auf sie wartete. Es war Carraccis Kram, auch sie gehörte zu Carraccis Kram.”

Elena, die Gegenspielerin dieser herausfordernden Mädchenfreundschaft, bekommt die Möglichkeit, sich akademisch weiter zu entwickeln. Wie bezeichnend die Autorin das Scheitern der jungen Schülerin beschreibt, zeigt das Niveau dieser Erzählung:

“Einmal fing ich an einem einzigen Tag eine miserable Zwei in Chemie, eine Vier in Kunstgeschichte und eine Drei in Philosophie, und meine Nerven lagen so blank, dass ich nach der letzten schlechten Zensur vor der Klasse in Tränen ausbrach. Es war fürchterlich, ich spürte das Entsetzen und den Genuss, mich zu verlieren, den Schrecken und den Stolz der Entgleisung.”


Beide jungen Frauen kämpfen mit Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung. Der Dialekt, den sie bei diesen Unterhaltungen an den Tag legen, ist unverschönt, grob, sizilianisch, derb. Die Sprache ihrer Kindheit.

Sie sagte, und ich erinnere mich noch genau an diesen Satz im Dialekt: “Was ich getan habe und was ich tue, gefällt mir nicht mehr.”

Viele Seiten später: “Ich bin, was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss.”


Die dramatische Liebesgeschichte, die dieser Freundschaft letztendlich Distanz schenkt, kommt Elena wie ein Werkzeug der Verstümmelung vor:

“Plötzlich fiel mir wieder ein, was sie mit ihrem Hochzeitsfoto angestellt hatte, und mir wurde übel. (…) Nino ist ein Werkzeug, jawohl. Wie die Schere, der Klebstoff, die Farbe, sie benutzt ihn, um sich zu verstümmeln. In was für schlimme Geschichten treibt sie mich da hinein. Und warum lasse ich mich da hineintreiben.”

Später erkennt Elena, was Nino wirklich bei Lila auslöst:
“Auch sie sah in Nino nun den einzigen Menschen, der in der Lage war, sie zu retten. Sie hatte sich ienes alten Gefühls von mir bemöchtigt, hatte es sich zu eigen gemacht. Und da ich wusste wie sie war, hegte ich keinerlei Zweifel. Sie würde alle Hindernisse niederreißen und die Sache bis zum Schluss durchziehen.”

Doch Elena kommt aus ihrer Situation nicht aus. Sie hilft ihrer Freundin sogar dabei, den Ehebruch zu decken. Ihr ganze Weltanschauung wird dadurch in Mitleidenschaft gezogen:

“Ja, Lila hat Recht, die Schönheit der Dinge ist ein Schwindel, der Himmel ist der Thron der Angst. Ich bin am Leben, jetzt und hier, zehn Schritte vom Wasser entfernt, und es ist überhaupt nicht schön, es ist erschreckend. Ich bin mit diesem Strand, mit dem Meer, mit dem Gewimmel sämtlicher Tiergestalten ein Teil des Schreckens des Universums.”


Diese hochkomplexe Erzählung ist so fesselnd und bewegend. Ich erinnere mich an eine Stelle im Buch, wo ich geschrien habe “NEEEEIN, was machst du?!” weil ich so mitgerissen wurde. Elena schafft es, trotz häufig verqueren Denkens, dich so in ihre “Ich”-Sichtweise einzubinden, dass du den Unterschied zwischen dir und ihr gar nicht mehr merken wirst. Und dann kannst du manches Mal über dein Verhalten nur den Kopf schütteln!

Die weiteren zwei Bände dieser neapolitanischen Saga erscheinen am 08. Mai (Die Geschichte der getrennten Wege) sowie am 09. Oktober (Die Geschichte des verlorenen Kindes).

 

 

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