Friend. Ship.


Titel: Über uns der Himmel, unter uns das Meer.

Autor: Jojo Moyes

Verlag: Rowohlt

Wort.boutique Rating: 

Originalität: (4,0 / 5)
Spannung: (4,0 / 5)
Sprache: (3,0 / 5)

Kaufempfehlung: nein

Leseempfehlung: am Wochenende


Über eine unglaubliche Reise, die auf erstaunlichen Beweggründen basiert, schreibt Jojo Moyes in ihrem Roman “Über uns der Himmel, unter uns das Meer”.

Vier junge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können und in allen Extremen ihre Lebenswege beschritten haben, beginnen ein gemeinsames Kapitel. Gemeinsam mit rund 650 weiteren Damen treten sie im Juli 1945 eine Reise auf einem Flugzeugträger an. Ziel: Das Schiff bringt die Kriegsbräute, die britische Soldaten geheiratet haben, von ihrer Heimat Australien nach England, wo sie ihre Ehemänner treffen sollen.

Dabei beschreibt Jojo Moyes die sechswöchige Fahrt so eindrucksvoll, dass ich für eine kurze Zeit, geglaubt habe, Seegang zu verspüren.

Auf wenigen Quadratmetern zusammen gepfercht und unter unhygienischen Bedingungen verbringen die Mädchen Margaret, Jean, Avice und Frances die Fahrt ins Ungewisse in einer gemeinsamen Kajüte auf der MS Victorious.

Die Vorstellung mit einem Transport, den die Royal Navy initiiert, von Australien nach England zu fahren, ist im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig.

Die Übersee-Fahrt alleine ist schon einen Roman wert. Ich, von Natur aus kein großer Freund der Schifffahrt, geriete schon allein aufgrund von Weite und Tiefe des Meeres in Unbehagen.

Die Anwesenheit von mir – gemeinsam mit 654 anderen Frauen sowie 1.100 Männern – auf einem Schiff, auf welchem Wasserknappheit durchaus thematisiert werden musste, wäre mein Elend. Noch dazu in der Ungewissheit dessen Ankunft.

Oft konnte ich mich beim Lesen in die Lage der Frauen hinein versetzen. Gespannt wartete ich darauf, ob sie heil ankommen und wie sie empfangen werden. Unzählige Male habe ich mich beim wahrhaftigen Verschlingen dieses Buches gefragt, ob die Liebe so groß sein kann, dass junge Frauen, die ihr Leben noch vor sich haben, das alles auf sich nehmen. Für Männer, die sie – meiner Meinung nach – nicht richtig kennen. Die sie noch nie mit ihrem Umfeld und ihrer Familie erlebt haben. Die sie noch nie in deren Heimatstadt und im Umgang mit den Gepflogenheiten oder den Nachbarn zu Gesicht bekommen haben.

Man fällt bei diesem Roman mitten in diese spannende Ausgangssituation hinein. Man lernt Margaret kennen, die bisweilen eine große Familie alleine versorgt hat und für ihre vielen Brüder und ihren Vater lange die Rolle der einzigen Frau im Haushalt übernehmen musste, zu Beginn der Reise hochschwanger war und ein großes Herz für andere hat. Avice ist das ziemliche Gegenteil von Margaret. Sie kommt aus einer gut betuchten Familie und genau so verhält sie sich auch. Gerne dreht sie notfalls auch die Wahrheit so hin, wie es nötig ist, um den Schein der glücklichen und sorglosen Frau aufrecht zu erhalten. Jean ist ein junges, freches Mädchen. Ihre Naivität wird von einem Matrosen an Board derartig ausgenutzt wird, dass sie das Schiff geschändet und daher auch geschieden frühzeitig verlassen muss.

Bei diesen Zeilen hat mein Herz geblutet. Die Ungerechtigkeit, die manche Frauen dafür widerfahren ist, dass sie sich auf die beschwerliche Reise zu ihren Männern gemacht haben, kennt keine Grenzen. Jean ist das lebhaft dargestellte Beispiel einer Frau, deren Körper und deren Leben aufgrund von Lügen und Selbstgerechtigkeiten von anderen so kaputt gemacht wird, dass man selbst nicht wüsste, wie man in dieser Situation noch weiter leben könnte.

An den Rande dieses Personendreiecks stellt die Autorin Frances. So unscheinbar, dass ich ihren Namen bereits zum zweiten Mal – während ich diesen Eintrag schreibe – nachlesen muss. Frances, die eine extreme Vergangenheit verschweigt und das Wesen einer zusätzlichen, scheinbar anderen Frau in sich trägt. Sie findet, genau wie Margaret, Zugang zu anderen auf einer sehr sensiblen Ebene. Im Laufe des Romans entwickelt sich zwischen Frances und einem männlichen Begleiter der MS Victorious eine tiefgreifende und bewegende Liebe.

Andere Facetten der Reise beleuchten den Kapitän, der mit der Übersetzung dieser Damen nach England, seine letzte und sehr besondere Reise macht.

Doch alles in allem, wird die Geschichte vor allem durch einen Faktor getragen: durch Freundschaft. Die Freundschaft, die der Liebe von Frances und Nicol zu Grunde liegt. Das tiefe Band der Vertrautheit und der gemeinsamen Erlebnisse, wie sie sonst kein anderer kennt. All das verbindet viele Passagierinnen miteinander. Die gleichen Erwartungen, Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte zu teilen. Ich habe während der beiden Tage, an denen ich das Buch gelesen habe, auch neue Freundinnen gewonnen.

Sie und ihre Geschichten trage ich unbewusst weiter: in meinem Herzen, in meinen Gedanken und manchmal auch in meinen Träumen.

Was wir gemeinsam haben? Wir haben die Reise von Australien nach Großbritannien gemeinsam erlebt und überlegt. Daher bedeutet es mir sehr viel, Mädchen mit an Bord zu haben, die ein Stück Heimat für mich sind. Nur so haben die Herzen der jungen Bräute überlebt.

Und schließlich saßen wir alle im gleichen Boot.

 

 

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