Glatt, geschmeidig, gefühlvoll: Der Zopf


Titel: Der Zopf

Autor: Laetitia Colombani

Verlag: S. Fischer

Originalität:3 out of 5 stars (3,0 / 5)
Spannung:2 out of 5 stars (2,0 / 5)
Sprache:2 out of 5 stars (2,0 / 5)

Kaufempfehlung: nein

Leseempfehlung: im Urlaub


Smita, Giulia und Sarah werden, wie ein Zopf, aus drei Strängen zu einer festen Verbindung verwoben, ohne dabei aus ihrer Einzigartigkeit gerissen zu werden. Dabei ist das Buch ab dem ersten Drittel sehr vorhersehbar, büßt aber nicht an Spannung ein.

Laetitia Columbani greift das Selbstwertgefühl der Frauen auf, das in Verbindung mit der eigenen Kopfbedeckung, den Haaren, steht. Sie flicht moderne Wertungen in ihre Geschichte ein und begründet damit einen hohen Aktualitätswert. Mit sprachlichem Fingerspitzengefühl kreiert sie ein Bild, das mehr als nur eine Metapher ist. Ein nackter Schädel, der alles in den Schatten stellt, obgleich er doch viel weniger Schatten wirft, als eine toupierte Mähne, steht sinnbildlich für das Gefühl, unter dem Frauen – die ihre Haare verlieren – leiden müssen. Sie sind Geister ihrer Krankheit, Schattengestalten.

“‘Nach vierzig ist niemand mehr jung’ – der Satz stammt von Coco Chanel. Sarah hat ihn in einer Zeitschrift gelesen, die sie sofort beiseitelegte, ohne den Satz bis zum Ende zu lesen: ‘Aber unwiderstehlich kann man in jedem Alter sein.'”

Die raue und schonungslose Wirklichkeit holt Sarah schnell ein. Sie ist aufstrebende Rechtsanwältin und entspricht der Verkörperung der “Frau von Welt”, die man dank der perfektionistischen Selbstdarstellung vieler erfolgreicher Karriereladys sofort vor Augen hat.
“In einem Haifischbecken sollte man besser nicht bluten”


Als müsste Laetitia Columbani den roten Faden im Blick behalten und gleichzeitig eine unerwartete Wendung verarbeiten, verknüpft sie lieblos ein überspitztes Desaster mit Giulias Leben.
Das geschieht so leidenschaftslos und unsentimental, dass man dieses Kapitel getrost überspringen könnte. Die Leidenschaft, die Giulia und Kamal verbindet, bügelt das wieder aus. Doch die lebensrettende Idee des Sikhs Kamal, der in dieser desaströsen Wendung zum Helden mutiert, entspricht nicht meiner Vorstellung eines Wunders. Laetitia bezeichnet Kamals Vorschlag jedoch durchgängig als solches.


In einem anderen Kapitel stellt sie widerum ihr Können unter Beweis: Aus ihrer ausweglosen Situation auszubrechen, ist der primäre Gedanke, dem sich Smita unterordnet. Der Autorin gelingt dabei ein wertvoller Spannungsaufbau, indem sie genau dann über tiefgründige Gefühle schreibt, wenn der Plot ein schnelles Handeln der Protagonisten fordert.

Besonders berührt hat mich die Hoffnungslosigkeit, in der Smita und ihre Tochter Lalita gefangen sind. Man kommt als Leser nicht umhin, den Kopf zu schütteln. Dabei klebt die Hilflosigkeit der beiden indischen Frauen wie ein blickdichtes Band vor den Augen. Egal wohin man blickt: kein Ausweg. Da hilft alles Kopfschütteln nichts.

Einziger Lichtblick der Inderinnen: das Opfer der Haare im Tempel von Tirupati. “Die Reichen legen dort Nahrungsmittel und Blumen, Schmuck, Gold und Edelsteine nieder; die Armen opfern Lord Venkateshvara das einzig Wertvolle, das sie besitzen: ihre Haare.”

Oft war es, als würde man während des Lesens mit den Fingerspitzen seidig glattes, weiches, wunderschönes, schwarzes Haar durchkämmen. Die gottgegebene Haarpracht, die die Armen opfern. Arm, weil sie stigmatisiert und vom Kastensystem erniedrigt werden. Arm, weil sie als “unberührbar” gelten und somit nur die unterirdischsten Arbeiten ohne Entlohnung zu verrichten haben.

Den Zopf zu lesen, hat bei mir vor allem einen Gedanken gestärkt:
Man muss für die Frauen in Indien etwas tun.

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