Meine geniale Freundin. Ein geniales Buch.


Titel: Meine geniale Freundin

Autor: Elena Ferrante

Verlag: Suhrkamp

Wort.boutique Rating: 

Originalität:4 out of 5 stars (4 / 5)
Spannung:3 out of 5 stars (3 / 5)
Sprache:5 out of 5 stars (5 / 5)

Kaufempfehlung: ja

Leseempfehlung: im Alltag


Elena Ferrante (Pseudonym) beschreibt die Geschichte zweier Mädchen im düstersten Viertel des sonnigsten Urlaubslandes Italien. Im Neapel der 1940er-1950er wachsen Elena (Lenuccia, die Ich-Erzählerin) und ihre Freundin Lila auf.

So unterschiedlich wie Sonne und Schatten sind Lila, die alle Aufmerksamkeit (aufgrund ihrer Intelligenz, später zusätzlich aufgrund ihrer unbeschreiblichen Schönheit) auf sich zieht und Elena, die Unscheinbare, die nicht nur einmal von skrupellosen Verehrern als Vorwand benutzt wird, um Lila zu erreichen.

Die Zerrissenheit der jungen Elena macht sich in der Sprache und Erzählweise des Buches bermerkbar.

Munter wird zwischen Familien, Generationen, Situationen und Orten hin und her gewechselt. Namen werden ins Wirrwarr der Geschichte geworfen, nur der aufmerksame Leser muss den ein oder anderen Teil nicht nochmals kurz zum Verständnis  überfliegen. Typisch Italien! Genau diese Art zu schreiben vermittelt aber absolute Authentizität und nimmt den Leser direkt mit nach Rione, wo er die genüsslichen, abwechslungsreichen Stunden mit Lila und Elena verbringen darf.

Die Beziehung der Mädchen wird dort drastisch und pausenlos auf die Unterschiede zugespitzt:

“Ihr stieg eine Röte in die Wangen, die eine aus jedem Winkel ihres Körpers hervorbrechende Glut verriet, so dass ich zum ersten Mal dachte: >Lila ist schöner als ich.< Demnach war ich nun in allem die Zweite. Und ich wünschte mir, dass niemand es je bemerkte.”

Bild: Fototeca Gilardi / AKG
Bild: Fototeca Gilardi / AKG

Die Freundschaft der beiden gegensätzlichen Mädchen hat ein großartiges Manifest: Die gemeinsame Liebe zu Büchern und Geschichten. So lesen die Mädchen oft das Buch “Betty und ihre Schwestern” und träumen davon, eines Tages selbst mit Büchern reich zu werden. Deswegen lernen und lesen sie unerbittlich. Irgendwann passiert der Schnitt der Geschichte: Elena bekommt das Rückgrat und die Möglichkeiten, weiter zu lernen, Lila aber nicht. Dennoch sieht sich Elena immer an niedrigerer Position im Vergleich zu ihrer besten Freundin. Lila dagegen wird tatkräftig in der Schuhwerkstatt ihres Vaters eingesetzt, wo sie gegen dessen Willen gemeinsam mit ihrem Bruder Rino neue Schuhe entwirft.

“Ich musste bald einsehen, dass das, was ich alleine tat, mich nicht begeistern konnte, nur das, was Lila antippte, wurde wichtig. Doch wenn sie sich entfernte, wenn ihre Stimme sich von den Dingen entfernte, wurden die Dinge fleckig, staubig.”

Die Weltanschauung der draufgängerischen, hoch begabten, intellektuellen Lila, die vielen Dingen – aus Elenas Augen – erst einen Sinn gab, wird im Laufe der Geschichte auch ihre Hürde sein. Die differierte Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens machen Lila zu dem belasteten jungen Menschen, der sie am Ende des Buches ist.

“Lila dagegen ließ sich, wie es ihre Art war, von ihnen [Pasquales Antworten] anrühren und verändern, so dass sie mich bis zum Ende des Sommers mit einem einzigen für mich ziemlich unerträglichen Thema bedrängte. Ich schreibe in der Sprache von heute und möchte es folgendermaßen zusammenfassen: Es gibt keine Gesten, keine Worte, keine Seufzer, die nicht die Summe aller Verbrechen in sich bergen, die die Menschen begangen haben und begehen. Natürlich formulierte sie es anders. Entscheidend aber ist, dass sie von einer uneingeschränkten Enhüllungssucht gepackt wurde.”

Davon co-abhängig ist ihre Freundin Elena, die so unterschiedliche Lebensphasen durchläuft und eine stark von außen abhängige Selbstwahrnehmung hat, dass sie mir zwischenzeitlich wirklich aus vollem Herze leid tat. Schließlich verliebt sich Elena mit 15 Jahren. Die Autorin hat die unsagbare Gabe inne, Menschen und deren Inneres so explizit zu beschreiben, dass man süchtig danach wird. Natürlich bezieht sie sich bei der Beschreibung des verehrten Nino – wie sollte es anders sein – auf ihre geliebte Freundin Lila:

“Nino trägt, genauso wie Lila, etwas in sich, das ihn auffrisst, es ist eine Gabe und ein Schmerz zugleich. Die zwei sind unzufrieden, geben sich nicht auf, fürchten das, was um sie her geschieht.”

Mein Lieblingszitat aus über 400 Seiten absoluter Lese-Extase ist ein Bild, das Lila von den selbst entworfenen Schuhen hat, die sie schließlich nach deren Produktion am Hochzeitstage trägt: “Die Träume des Kopfes sind unter die Füße geraten.”

Ich wünsche allen Lesern genauso viel Freude an diesem Buch, wie ich selbst hatte! Das beste daran: Es folgen drei weitere Bände “Die Geschichte eines neuen Namens”, “Die Geschichte der getrennten Wege” und “Die Geschichte des verlorenen Kindes” die bald im Suhrkamp Verlag veröffentlicht werden! Ich freu mich schon sooooo darauf 🙂

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