Nur ein kleines Wort

Kaum denke ich, mir gehen die Inspirationen für neue Artikel aus, überfällt mich eine Situation, die ich nicht unbeschrieben stehen lassen kann.

Vor kurzem hat mich meine beste Freundin gefragt, wenn ich einen meiner bisherigen Berufe nochmals ausüben dürfte, welcher mir am liebsten wäre. Ohne zu zögern nannte ich ein Einzelhandelsgeschäft der Textilbranche, das mir einfach ans Herz gewachsen war. Wir hatten dort immer ein gutes miteinander, die Chefs waren freundlich und souverän. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht.


Kurz vor Beginn eines neuen Lebensabschnitts – ich mache eine Ausbildung (Start ist in vier Monaten) und habe bis dahin ein bisschen “Luft” – bietet es sich doch an, nochmal zum Lieblingsarbeitgeber zu wechseln. Gesagt, getan. Natürlich gibt es auch dort Höhen und Tiefen und der Arbeitsalltag liefert mir wie vielen anderen von strahlend sonnig über heiter bis wolkig und manchmal auch Schneesturm alles an emotionalen, physischen und psychischen Kontaktpunkten für die sensiblen Synapsen.

In bestimmten Situationen, wenn viel los ist, die Arbeit unendlich scheint und man perfekten Kundenservice liefern möchte, stets darauf bedacht höflich, kompetent und freundlich zu sein ziehen alle Kollegen an einem Strang, um am Feierabend rechtzeitig aus dem Laden zu kommen. Heute wurde ich jedoch auf eine harte Probe gestellt:

Ein Kunde streifte mit seinem Kind auf dem Arm eine ganze Reihe Ware vom Regal ab, die auf den Boden fiel. Darauf wies meine Kollegin ihn freundlich, aber bestimmt, hin. “Entschuldigung, aber…” murrte er unfreundlich. Ich kniete am Boden und versuchte das gröbste Chaos zu beseitigen. Von unten blinzelte ich nach oben und fragte forsch “aber was?”. Unbeholfen ging er auf mich zu, um aggressiv nachzuhaken “wie bitte?” Er hatte mich genau verstanden. Leider gehört es nicht zu meinen Stärken, nachsichtig zu sein, daher wiederholte ich herausfordernd meine Frage “aber was?” Ich hätte es bei meiner ersten Nachfrage belassen sollen. Herausgefordert von einer Verkäuferin, die nicht nur hierarchisch, sondern direkt physisch (ich kniete ja am Boden) unter seinem Niveau zu sein schien, pflaumte er “…aber ich kann auch nichts dafür, dass sie nur hier arbeiten”


Ja, es war definitiv meine freie Entscheidung, dort zu arbeiten. In der Grundaussage seines Satzes hatte er Recht. Und wenn er gesagt hätte, er könne nichts dafür, dass ich dort arbeite, hätte er ebenfalls Recht behalten. Das, was mich wirklich aufgewühlt, aufgeregt und ärgerlich gemacht hat, war das kleine Wort “nur”.

Ein Ausdruck, der suggeriert, ich hätte mehr machen können, ich hätte es mir selbst zuzuschreiben, dass ich seinen Müll aufräumen müsse. Und während ich diese Zeilen schreibe, überlege ich, wie oft ich respektlos mit Menschen umgegangen bin, die ich aufgrund ihrer Arbeit bestimmt nicht absichtlich, aber unterbewusst “niedriger” einstufe, als vergleichsweise den CEO eines weltweiten Automobil-Importeurs. Diese Einordnung halte ich generell für sehr gefährlich, denn es bedeutet, sich über andere zu stellen. Und dieses Recht haben wir nie bekommen. Vor Gott sind wir alle gleich.


Im Affekt dieser Situation, konnte ich ausnahmsweise wirklich keine Worte finden, um schnell zu kontern. Natürlich fallen uns erst im Nachhinein die perfekten Sätze für die vergangene Situation ein. Neben “Mir tut es leid, dass Sie sich für etwas besseres halten!”, das bestimmt nicht zu einer konstruktiven Konfliktlösung beigetragen hätte, ist mein Favorit “Mir tut es nicht leid, dass ich NUR hier arbeite. Ich habe liebe Kollegen und die Arbeit macht mir Spaß!”

 

 

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