Politisch. Philosophisch. Poetisch: Die Hauptstadt

“Träumen, das ist das Glück; Warten, das ist das Leben.”

Titel: Die Hauptstadt

Autor: Robert Menasse

Verlag: Suhrkamp

Wort.boutique Rating: 

Originalität:5 out of 5 stars (5 / 5)
Spannung:5 out of 5 stars (5 / 5)
Sprache:5 out of 5 stars (5 / 5)

Kaufempfehlung: unbedingt

Leseempfehlung: im Buchclub / in der Schule / Erklärung & Diskussion


Das vielversprechende mit dem Buchpreis 2017 ausgezeichnete Roman “Die Hauptstadt” will so gar nicht in die Kategorie der Fiktion passen. Viel zu real erscheinen die Charaktere der Brüsseler Beamten und die Ereignisse, die sich in der EU-Hauptstadt abspielen.

Menasse gelingen ungeheuer vielschichtige Beschreibungen, Redensarten und Charakteristika, die den Leser sofort in ihren Bann ziehen. Sprachlich ungebrochen, doch im Kopf spitze Stolpersteine bildend, baut er die Zusammenhänge des Geschehens wie ein dicht verwobenes Spinnennetz über der Stadt Brüssel auf. Dabei werden keine Schlupflöcher ausgelassen, dem Leser und der Staatsgewalt die Verfolgung der verschiedenen Protagonisten zu erschweren und dabei den Spannungsbogen ins Unermessliche zu steigern:

Die Grenzen, an denen er seinen Pass zeigen musste, passierte er als Ryszard. Geheimdienstlich war er, auf Grund der Aussagen einiger ehemaliger Kontaktpersonen, als “Matek” bekannt, die Koseform von Mateusz. So ließ er sich von den Mitstreitern nennen. Als Mateusz erfüllte er seine Mission, als Matek wurde er gesucht, als Ryszard schlüpfte er durch die Maschen.

Besonderes Hirnfutter geben die Zitate und Denkanstöße, die ich mir am liebsten alle über den Spiegel schreiben würde. Einen ganz großen Dank dafür!

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.

Der Algorithmus, der alles Mögliche filtert und auch das bisher Erzählte geordnet hat, ist natürlich verrückt – vor allem aber ist er beruhigend: Die Welt ist Konfetti, aber durch ihn erleben wir sie als Mosaik.

Konkurrierende Nationalstaaten sind keine Union, auch wenn sie einen gemeinsamen Markt haben. Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik.


Mich begeistern die Passagen, in denen es ohne Interaktion gelingt, den Leser in die Geschichte zu ziehen. Weil Menasses Beschreibungen die Eckpfosten von subjektiv Erlebtem bilden und damit das Feld, das frei interpretierbar in der Vorstellung des Lesers existiert, abstecken: Er verbindet in meinem Kopf Erlebtes und Gelesenes und schafft somit eine transreale Welt:

…er war aggressiv zu der flötenden jungen Frau an der Rezeption beim Einchecken ins Hotel Atlas, weil ihm das alles so furchtbar auf die Nerven ging, dieses wichtigtuerische Trolley-Rollen in Brüssel, dieses bedeutsame Eilen zu Meetings, dieses Beantworten von Floskeln mit Floskeln, die raunende Transofrmation von keinen Ideen in ein babylonisches Kauderwelsch, es erschien ihm sinnlos, völlig aussichtslos, es war verbrannte Zeit

Oh, wie erkenne ich mich da wieder! Im gesamten Roman streut Menasse diese Köder, denen ich ausnahmslos in völliger Zustimmung folgen kann, und fängt mich mit einer schwerelosen Leichtigkeit:

Das Problem mit Fremdsprachen, wusste Erhart, wenn man sie nicht zumindest stiefmuttersprachlich beherrschte, war, dass man immer nur sagt, was man sagen kann, und nicht, was man sagen will. Die Differenz ist das Niemandsland zwischen den Grenzen der Welt.

Politisch, philosophisch, poetisch.

Ich bin …Zypriotin. Oder Griechin. Oder sonst was. Wer sagt: Du bist – der meint: Bleib, wo du bist! (…) Identität war doch nur ein Papier. Würde sie eine andere werden, wenn sie das Papier wechselte? Würde sie eine andere sein, wenn sie statt “Freiheit, sei gegrüßt!” nun “Freiheit, sei gegrüßt!” singen sollte, die Hymne des neuen Passes, die identisch war mit der Hymne des alten Passes? Ja – weil sie eine Freiheitshymne ausgetauscht hätte gegen eine Nationalhymne, und derselbe Text und dieselbe Melodie hätten daher eine ganz andere Bedeutung.

Und es geht noch intensiver:

Émile Brunfaut war ein poetischer Mensch. Er wusste es nur nicht, weil er wenig las. Und Poesie überhaupt nicht (…) Später als er schon Kommissar war, hatte er seine Mannschaft, wenn sie im Dunkeln tappte, mit der Paraphrase aufgemuntert: La nuit… puis l’éclair! – Le fugitif est visible. Das war, seiner Meinung nach, die einzige poetische Leistung seines Lebens gewesen. Aber da unterschätzte er sich. Jetzt war er von diesem Licht schmerzhaft berührt und er empfand es als Metapher – und das war zweifellos ein poetischer Akt.


Im ironischen Spiegelbild Menasses erkenne ich mich selbst wieder: Wahnsinnig geschickt, hält er dem Leser das vor Augen, das dieser selbst im Moment genau so erlebt.

Fenia blätterte weiter, las, immer ungeduldiger, las eine Seite, blätterte zehn Seiten weiter – letztlich lief es auf die Liebe hinaus beziehungsweise darauf, wie bedeutunglos politische Macht wurde, wenn es um die Macht der Liebe ging. Konnte man das so sagen? Das war doch verrückt. Romane sind verrückt!


Einzig und allein das Ende des Buches verwirrt mich. Und zwar so sehr, dass ich mir wünsche, dieses Buch in der Schule oder im Buchclub gemeinsam zu lesen, auseinander zu ziehen wie einen Strudelteig, der fragende Löcher reißt. In den Kopf und in unseren Bauch. Ich wünsche mir Antworten auf all die vielen Fragen, die ungefragt nach der letzten Seite in meinem Kopf aufgetaucht sind.

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