Quality Land: Lesergenerierte Literatur


Titel: Qualityland

Autor: Marc-Uwe Kling

Verlag: Ullstein

Wort.boutique Rating: 

Originalität: (5 / 5)
Spannung: (3 / 5)
Sprache: (4 / 5)

Kaufempfehlung: ja

Leseempfehlung: an einem Stück (Wochenende)


Stell dir die Maxime der derzeitigen technischen und vernetzten Entwicklung vor. Jede Bewegung, jede Einstellung, ja sogar jeder Gedanke wird getrackt: Die Werbung wird demzufolge auf dich abgestimmt, deine weiteren Handlungen beeinflusst und deine “Wünsche” werden im Handumdrehen erfüllt.

So schön sich das alles anhört, genauso beängstigend ist es aber auch. Marc-Uwe Kling gelingt es in seinem Roman Qualityland die gegenwärtigen Entwicklungen enorm zu überspitzen. So erklärt die weltbekannte E-Poetin Kalliope (eine Maschine, die für die Bestseller im Qualityland verantwortlich war) dem Maschinenverschrotter Peter “Die Bestsellerlisten anzuführen ist keine Kunst. Das ist nur EDV! Wir kriegen gigantische Datenmengen von allen QualityPads geliefert: Wer liest welches Buch, welche Stellen werden übersprungen, welche öfter gelesen, dazu noch die Auswertung der Gesichtszüge von jedem einzelnen Leser bei jedem einzelnen Wort, und daraus errechnen ich und meine Kollegen die neuesten Bestseller.”

Als hätte der Autor selbst diese von Kalliope erwähnten Datenmengen in gewinnbringende Algorithmen umgewandelt und daraus den aktuellen Roman erstellt, genau so liest sich Qualityland. Zudem nimmt er humorvoll Bezug auf sich selbst und die vorangegangenen Werke “Die Känguru-Chroniken”. Diese kommen in der Erzählung einer ängstlichen Drohne nicht besonders gut weg:

Es war eine seltsame Satire über einen Typen, der in einer WG mit einem Känguru wohnt…

Wer die Känguru-Chroniken kennt und eine Drohne mit Flugangst oder die E-Poetin mit Schreibblockade amüsant findet, wird sich bei diesem Buch kringeln vor Lachen. Versprochen!


Natürlich kommt im Qualityland der sprechenden und denkenden Androiden, Maschinen und anderer Alltags-Helfer auch die Partnersuche nicht ohne Maschinen aus. QualityPartner schlägt dir den richtigen Partner vor. Im Fall von Peter, dem Protagonisten ist das beim ersten Date Melissa, die hauptberuflich Kommentare unter Videos, Fotos oder Blogbeiträge schreibt und zwar am liebsten für rechtsradikale Auftraggeber.

Ich werde pro Kommentar bezahlt, und rechte Kommentare schreiben sich schneller, weil man nicht auf so nervigen Kram wie Orthographie, Grammatik, Fakten oder Logik Rücksicht nehmen muss.


Besonders die ersten beiden Drittel des Buches sind enorm spannend und lustig geschrieben. Man taucht immer weiter in dieses – zum Glück – fiktive Land ein und ich habe besonderen Gefallen am Sprachstil gefunden:

Seit vierundsechzig Minuten sitzt Peter schon an einem runden Tisch in einem Besprechungszimmer und wartet. Er ist exakt vierundsechzig Minuten schlechter gelaunt als vor vierundsechzig Minuten, und da war er auch schon ziemlich schlecht gelaunt.

Ich muss gestehen, die These, dass die Menschheit einem Denkfehler Gottes entsprungen ist, scheint mir plausibler als die Schöpfungsgeschichten aller anderen mir bekannten Religionen – Aufgrund der vielen Schwierigkeiten, die das Leben in dieser dummen Welt bereitet, sprechen wir nicht von der Schöpfung, sondern von der Erschöpfung.


Kritische Denkansätze sind wir von Marc-Uwe Kling ja gewöhnt. Diesen konnte ich sogar noch besser folgen, als den teilweise doch sehr verqueren Ansichten seines Kängurus. Plausibel und beängstigend nahe werden das demokratisierende Internet – das die Einkommensschere weiter aufreißt als je zuvor, weil es anders funktioniert als die nicht-digitalen Märkte (kleine Anmerkung am Rande: Ich musste wahnsinnig viel an Amazon denken) -, die Hilflosigkeit, derer wir oft ausgesetzt sind, weil wir nicht alle Vorgänge steuern und ebendiese auch gar nicht begreifen können und die Reduktion der Persönlichkeit durch ein Punktesystem (heutzutage Instagram-Follower oder Facebook-Freunde) beschrieben.


Nicht nur die Denkweise des Autors oder die Aktualität der Geschichte machen dieses Buch besonders. Nein, es gibt auch zwei Versionen: Hell- und Dunkelgrau. Beide Varianten gleichen sich in der Geschichte, die schwarz auf weiß gedruckt ist. In beiden Editionen gibt es aber auch unterbrechende, schwarze Seiten. Sie bieten Platz für Anekdoten und Werbung der Unternehmen aus Qualityland. Genau diese schwarzen Seiten unterscheiden die Bücher voneinander. Im hellgrauen Buch kommen Optimisten auf ihre Kosten, die dunkelgraue Edition ist für Apokalyptiker vorgesehen.

Das gesamte Konzept Qualityland wird von einer Microsite abgerundet, die ich wärmstens empfehlen kann, aber am besten nach der Lektüre 🙂


Enden möchte ich mit einem Zitat, das ich aufgrund meiner Arbeit in einer Online-Agentur bereits jetzt zum hohen Prozentsatz so bestätigen kann. We should think about!

Das bedeutet, dass jedes Individuum eine andere digitale Welt erlebt. Nicht nur Suchergebnisse, Werbung, Nachrichten, Filme und Musik sind personalisiert. Sondern auch die Angebote, die Preise, ja sogar das Design und die Struktur des Netzes ändern sich, je nachdem, wer diese magische Spiegelwelt betritt, und sogar je nachdem, wie er sich fühlt. Wenn du geil bist, siehst du vielleicht überall Angebote für hocherotische Ladybots, wenn du schlecht drauf bist, wollen sie dir Psychopharmaka andrehen, und wenn du Angst hast, dann bieten sie dir die Blueprints einer Pistole zum Selbstausdrucken an. Du hast doch sicher schon den Spruch gehört: ‘Jeder lebt in seiner eigenen Welt.’ Im digitalen Raum ist das nicht nur eine Floskel. Es ist wortwörtlich wahr. Du lebst in einer eigenen Welt. Eine Welt, die sich konstant dir anpasst.

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