Schuldig, im Sinne des Klägers!

Meine gute Freundin, nennen wir sie Caro, hat sich gestern über ihren Arbeitskollegen Günther (Fakename) beschwert. Günther, der schon so lange in der Firma ist und sich auf diesen Dauer-Lorbeeren ausruht. “Er macht das ja schon so lange und weiß alles” sagt sie beschwichtigend, bevor sie dem Publikum (das inklusive mir aus zwei interessierten Zuhörern bestand) die Anklageschrift impulsiv und stimmgewaltig vorträgt:

  • Günther sei schon so lange dabei, dass er sich Arbeitsschritte, wie eine analoge Ablage, nicht abgewöhnen könne
  • der Chef meinte, die Ablage müsse nicht mehr gemacht werden, denn das digitale System erledige das automatisch
  • Günther benötige für diesen unnötigen Arbeitsschritt dennoch so viel Zeit, dass er jeden Tag eine gute halbe Stunde dafür verschwende
  • Überhaupt (so die neue Anklage) arbeite Günther sehr langsam
  • Zudem habe Günther sich im Urlaubskalender für die Woche eingetragen, in der Caro auf Urlaub gehen wollte (Caro hat allerdings vergessen, diesen Urlaubswunsch im gemeinsamen Kalender einzutragen, so konnte Günther das eigentlich nicht wissen)
  • Er sei äußerst unkollegial, weil er seinen Sommerurlaub schon hatte und sich nochmal zur Sommerzeit mit Urlaub im Kalender eintrage
  • Günther habe zudem im letzten Jahr während der Arbeit seine Hochzeit geplant
  • Ausserdem fülle er eine Arbeitszeit ständig mit privaten Angelegenheiten, wie Steuererklärungen oder Besuche im Möbelhaus
  • wenn Günther dann die Fehlstunden, die er am Tag für Erledigungen benötigt habe, am Abend im Büro nacharbeite, dann suche er sich ja die beste Zeit (Abends ab 18:00) aus, wenn das Telefon nicht mehr läute und keine Mails mehr ankämen
  • Schlussfolgernd habe Günther mit dazu beigetragen, dass eine gemeinsame Kollegin (die, während seiner Erledigungen alleine arbeiten musste) einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und nun schon sechs Wochen im Krankenstand sei
  • Weil Günther aber abends so lange im Büro bliebe (um die Fehlstunden am Mittag auszugleichen), meinte der Chef, Günther sei besonders fleißig

In diesem Gespräch wird dem objektiven Betrachter schnell klar, dass Günther hier einiges zur Last gelegt wird, das bestimmt nicht gerechtfertigt ist.

Passiert uns das nicht immer öfter? Die Wut über unsere Unzulänglichkeit und unsere Fehler übertragen wir gern auf andere. Mein Kollege sieht einen Fehler, weist mich darauf hin und nun ist er der i-Tüpfelchen-Reiter, Kontrollfreak oder noch schlimmer: der Stalker. Mein Nachbar sieht, dass ich mal wieder im Park-Verbot geparkt habe, meldet es dem Vermieter und nun ist er der Schuldige.

Die Selbstreflexion hatte große Teilschuld daran, dass die Anklage gegen Günther bei uns interessierten (aber auch ehrlich-kritischen) Zuhörern, keine uneingeschränkte Zustimmung fand. Wenn Caro vergisst, ihren Urlaub einzutragen, ärgert sie sich ja eigentlich über sich selbst. Vorsichtig versuchten wir die impulsive Klageschrift abzuschwächen und der Ursache für diese Unstimmigkeiten auf den Grund zu gehen.

Ob Günther wirklich unkollegial sei und ob er Teilschuld am Nervenzusammenbruch der anderen Kollegin trage, sei dahin gestellt. Als wir gemeinsam versuchten, den Grund für Caros Missmut zu finden, konstruierte sie – die mit ihrem widersprechenden Publikum gar nicht einverstanden war – noch bekräftigende Argumente für den eigenen Standpunkt.

Wer sich über sein Gegenüber erzürnt, schadet jedoch allenfalls sich selbst. Wertvolle Zeit verbringen wir damit unsere funktionstüchtigen Gehirnzellen mit negativen Gedanken zu blockieren. Zeit, die wir wirklich sinnvoller nutzen könnten. Das Auflösen der Klage im eigenen Bewusstsein befreit. Wenn sich ein Thema nicht dauerhaft im Kopf festsetzt, sich dadurch nur intensiviert und die anderen Alltagssituationen beeinträchtigt, können wir unseren Geist für andere, schöne Dinge öffnen.

Gemeinsam versuchten wir alle Konflikt-Knoten zu beleuchten, um das Wirrwarr aus Anschuldigungen und falscher Selbstreflexion aufzulösen. Irgendwann schlug Caro mit der flachen Hand auf den Tisch, schlug die Augen nieder, atmete tief ein und seufzte dann: “Vielleicht kann ich ihn nur nicht leiden, weil ich gesehen habe, was er verdient.”

Die, in Alarmbereitschaft versetzten, christlichen Werte, meldeten sich sofort zu Wort: “Neid, Neid, Neid!” schrien sie in unseren Köpfen. “Neid ist auch ein Thema, das wir dringend in Betracht ziehen sollten.” Schwer ließ Caro den Kopf auf die abgestützten Hände sinken. Mit großen Augen sah sie uns an: “Nein, das ist es nicht. Ich glaube, mir fehlt die Wertschätzung dafür, was ich tue, was mich ausmacht und dafür was ich bin!”

Lies doch mal:

2 Kommentare

  1. Hallo Laura,
    ein wirklich guter Beitrag, gerad, weil das Thema nie an seiner Aktualität verliert. In der Steuerkanzlei, in der ich arbeite, kommt es auch immer mal vor, dass sich jemand nicht richtig Wertgeschätzt fühlt, weswegen es schnell zu Missverständnissen oder unnötigen Konflikten kommen kann. Super, dass du das ganze so toll rüber bringst. Weiter so.
    Grüße aus Hannover
    Michael

    1. Lieber Michael, vielen Dank für das Kompliment. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass das nicht nur in meinem Freundeskreis ein Problem ist. Ich wünsch euch alles Gute und viel Wertschätzung, die ein friedliches Miteinander ermöglicht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*