Schwimmen heißt nicht, sich über Wasser zu halten

Sommer 1997: Es ist ein hellblauer, heißer Sommertag. Die Luft schwirrt. Kindergekreische mischt sich mit Pommes-Geruch und Wassergeplätscher. Grüne Wiesen strahlen mit der Sonne um die Wette. Das Wasser glitzert und zwei Schwestern jagen einen Jungen. Er ist ihr Schulkamerad und geht in die Parallelklasse der jüngeren Schwester. Die Ältere neckt ihn, weil er so klein und frech ist. Das jüngere Mädchen macht mit und folgt ihrem verwandten Vorbild voller Eifer. Sie laufen am Beckenrand entlang. Auf langen Beinen, rasen die beiden dem kleinen Knirps hinterher. Es dauert nicht lange, da macht sich der Altersunterschied und der körperliche Entwicklungsstand bemerkbar. Das Ältere Mädchen fasst den Schulkameraden am Arm. Erschrocken dreht er sich um. Seine Augen weiten sich und die Nasenlöcher werden groß. Kurzerhand greift sie mit beiden Händen an seine knochigen Schultern, vergewissert sich, dass kein Kind in Beckennähe ist und wirft den Verängstigten ins Wasser: Es ist nicht tief, nur das Kinderbecken. 

Lachend stehen die Mädchen am Beckenrand. Erfolg auf der ganzen Linie! Währenddessen schlägt der Bub wie wild mit beiden Armen um sich. Die Beine treten unkoordiniert ins Leere bei dem hilflosen Versuch, Untergrund zu fassen. Während sich das Lachen der älteren Schwester in ein unbeholfenes Grinsen verwandelt, springt die Kleine kurzerhand ins Wasser, streckt dem Mitschüler die Hand hin und zieht ihn an den Beckenrand. Dieser klettert schweratmend heraus und zittert am ganzen Körper. Er kann nicht schwimmen. Unfassbar für die beiden Schwestern: Die Ältere davon, das war ich.

20 Jahre später lässt mich dieses Ereignis nicht unberührt. Wie ist es, Angst vor dem Wasser zu haben? Zu wissen, dass man zwangsweise untergehen wird, wenn man ins Wasser fällt? Im kalten Wasser schwimmt man schneller, sagt ein Sprichwort. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich denke eine Situation, die das Synonym für „das kalte Wasser“ ist, setzt uns ganz schön unter Druck. Es entsteht Stress und dieser, das ist mittlerweile bekannt, animiert nicht zur Höchstleistung, sondern sollte möglichst vermieden werden (zumindest, wenn man seinem Körper keinem Risiko aussetzen möchte).

Im stressigen Alltag findet eine andere Redewendung Platz „Ich schwimme!“ Ein Hilferuf: Es ist soviel Arbeit, ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll. Eine Lebenssituation, die nicht zu handeln ist. Auch dieser Ausdruck ist meiner Meinung nach nicht richtig. Jeder, der sich in der Situation befindet, ins Wasser oder eine unvorhersehbare Situation geworfen zu werden, ist froh darüber, schwimmen zu können.

Folglich symbolisiert dieser Hilferuf eine pure Ignoranz für die entstandenen Möglichkeiten: Ich bin eine sehr leidenschaftliche und mittlerweile auch ganz gute Schwimmerin. Denn Schwimmen, das ist doch noch so viel mehr, als nur das Überleben. Schwimmen bedeutet: gleiten, entspannen, abschalten. Abtauchen! Wie gerne würden viele von uns mal raus aus dem Alltagstrott und einfach nur abtauchen. Diese Option bietet nahezu jedes Gewässer. Den Körper ganz gestreckt kaum eine Handbreit unter der Wasseroberfläche. Das Gesicht sieht nach unten: Du nimmst die Tiefe unter dir war, siehst sie durch deine Schwimmbrille und machst dich ganz lang. Steckst dich aus, nach mehr, nach Länge, gegengleich. Dann kommt Bewegung ins Spiel. Deine Beine treiben dich an, dabei spürst du, wie sie die Wasseroberfläche berühren und Sonnenlicht deine Muskeln berührt. Die Arme streckst du abwechselnd aus, als wolltest du etwas Neues erreichen, etwas Entferntes greifen. Du wirst eins mit der Linie, die das Wasser von der Luft trennt.

Zwischen diesen zwei Elementen, lernst du dich und deinen Körper neu kennen. Den Kopf drückst du bewusst nach unten. Nur, um Luft zu holen, drehst du ihn nach rechts. Atmest ein, streckst dich, atmest ins Wasser, siehst den Luftblasen zu, bewegst die Arme nahe am Kopf, streckst sie so weit  wie möglich aus, drehst den Kopf nach links und atmest wieder ein, um daraufhin die durchreisende Luft ins Wasser zu entlasten. Deine Lunge brennt und beißt, das Gefühl, den Kopf nicht frei an der Luft drehen zu können, ist beängstigend. Doch du weißt, dass du nicht untergehen wirst.

Und darum entspannst du dich, wirst ruhig, streckst dich, nimmst neuen Sauerstoff auf, und bläst ihn zwischen deinen Armen in die Tiefe des Schwimmbeckens. Du wirst schneller. Dein Körper treibt sich selbst an. „Ich schwimme!“ Das ist Schwerelosigkeit, pures Glück, Freiheit und Schweben zwischen den Elementen. Alles beginnt damit, die eigene Angst zu überwinden.

Ich bin so froh, dass dem Jungen damals glücklicherweise nichts passiert ist. Ich weiß, dass er kurz darauf schwimmen gelernt hat. Schwimmen, das ist so viel mehr als sich nur über Wasser zu halten. Es bedeutet, Teil der gegebenen Umstände zu werden und sich mühelos darin fortzubewegen.

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