Wendy – die Neuinszenierung

Groß, muskulös, unberechenbar, fleischig, ungezügelt, wild:

Tiere, die sich der Mensch vor über 5.000 Jahren zu Eigen gemacht hat. Sport, Spiel, Spaß, Fleischlieferant aber auch Unterstützung, essenzielle Hilfe dabei, Acker umzupflügen, Wege zurück zu legen, Kutschen zu ziehen.

Das Einreiten – eine vielbeschriebene Kunst, ein Meisterwerk. Der Mensch bringt dem Tier bei, was es zu tun hat und das vom Rücken desselbigen aus. Er stellt Körperkontakt an einer gänzlich ungewohnten Stelle her, hinter dem Blickfeld des Pferds, um von dort ein Vielfaches des menschlichen Körpergewichts zu dirigieren. Wo greifen wir ein? Wie lange ist ein Wildtier noch wild? Wann wird der Zügel dem Wildpferd zu eng und uns Menschen zum Verhängnis?

Über Narben traben

Gut sechs Jahre ist es her, dass ich die schmerzliche Erfahrung machen musste, von einem Wiener Fiaker-Gaul bösartig gebissen zu werden. Noch schlimmer als der darauffolgende Kreislaufzusammenbruch, der Krankenhausaufenthalt und wochenlange Schmerzen, die mich im Alltag mehr als eingeschränkt haben und einen jahrelangen Heilungsprozess initiiert haben, war das darauffolgende Einpferchen meiner Gefühle und Gedanken.

Die Leidenschaft und Emotion, die ich mit den großen, starken, aber auch sehr feinfühligen und sensiblen Tieren verbunden hatte, war gebrochen.

Hufschlagen, Wiehern, Schnauben – Gänsehaut, Stacheln im Nacken. Schmerzen in der Brust. Alles auf Abstand – Die Oberarme schützend an die Seiten gepresst, beide Hände zur Faust geballt, vor der Brust gekreuzt und die Schultern nach oben gezogen, habe ich mich hinter Marmorsäulen, Bäumen oder Menschenmengen verborgen, darauf wartend bis die unaufhaltbaren Rufe des Kutschers und das Schlagen der hölzernen Droschkenrädern über unebene Pflastersteine vorbeigezogen waren.

Pony streicheln – ein Magnet der mir bereits in die Kinderschuhe implantiert wurde – entwickelte sich bipolar und zerrissen zwischen Faszination und Angst, konnte ich nicht schnell genug Abstand gewinnen. Das ging sogar soweit, dass ich heilfroh war, wenn ich mit dem Auto einen Reiterhof an der Dorfstraße, den ich täglich passierte, hinter mir gelassen hatte.

Das Phänomen Angst

Viele meiner Freundinnen besitzen ein Pferd oder Pflegepferd oder nehmen zumindest Reitstunden. Immer wieder wollte ich mitkommen, um zu testen, ob ich es wieder auf den Rücken dieser edlen Tiere wagen könnte. Und immer wieder bin ich gescheitert. Doch die Erinnerungen an das Gefühl der Verbundenheit, der sanften Dominanz, des ungewöhnlichen Gangs, der Erhabenheit stellten sich nicht ein. Auf schwammigen Verbindungen meiner Synapsen waberten sie unterbewusst bei passender Gelegenheit mit und überströmten meinen Willen, nicht nur Herr dieser Ängste zu werden.

Sobald ich einmal oben sitzen würde, wäre die Gefahr gebannt. Das wusste ich tief in meinem Inneren! Doch wie sollte ich mich dem Tier nähern ohne es, durch meine Nervosität, die sich unweigerlich übertragen würde, zu erschrecken?

 

Reiten am Strand

Sechs Jahre nach meinem Erlebnis in Wien hatte ich, in einem offensichtlichen Moment geistiger Umnachtung, die Idee eines Ausritts am Strand. Er sollte den Urlaub zu etwas noch speziellerem machen, meinem Freund und mir einen einzigartigen Augenblick bescheren und mich im Angriff meiner Phobie voranbringen. Glücklicherweise saß mein Freund noch nie zuvor auf einem Pferd, daher wurde uns eine Anfänger-Route vorgeschlagen. Ein weiterer Vorteil, der dieses Erlebnis ausmachte, waren entspannte Tiere, die nicht auf jede kleinste Gewichtsverlagerung, jedes Geräusch, jede Bewegung reagierten, keine strapazierten Stadtpferde mit äußerst nervösem Verhalten, bedingt durch den Zwang in einer absolut artfremden Umgebung verharren zu müssen.

In einem kleinen Teil des Nationalparks, dessen afrikanisch wirkende Bäume dicht an dicht stehen, warteten stille Pferde auf einem Sandplatz auf uns. Vitalia wusste von meiner Angst und suchte mir Romero, einen sanftmütigen Schimmel aus, der mit den anderen Tieren wartete.

Am Gatter stehend, betrachtete ich die Situation: Ich musste an Pferdehintern, Vorderfüßen und den großen Schädeln vorbei, um zu Romero zu kommen. Mein Freund saß bereits auf seinem Pferd und wartete.

Er, Adriano und Carlos – die Reitlehrer – und die braven und zutraulichen Tiere spornten mich unwissend dazu an, den letzten Schritt zu tun. Jetzt bloß nicht die Blöße geben! Zaghaft tastete ich mich an der Innenseite des Gatters entlang. Das beeindruckte die umstehenden acht Pferde nicht. Mit gesenkten Köpfen starrten sie geduldig zu Boden. Fast hatte ich es geschafft.

Einen halben Meter von Romero entfernt fragte ich unsicher, ob ich jetzt wirklich am gesattelten Tier entlang gehen könne. Vitalia lächelte und meinte „si, si!“ Nur am Kopf vorbei! Nicht beißen lassen… Doch unbeeindruckt von meinen Ängsten senkte der Schimmel den Kopf und ließ mich gewähren.

Als ich meine Hand auf die warmen, zitternden Sehnen an seinen Flanken legte, riefen mir das glatte Fell, der Geruch, die Geräusche und mein Herzschlag alle faszinierenden Momente in Erinnerung, die ich mit den stattlichen Geschöpfen erleben durfte.

Kaum war ich auf Schulterhöhe des ruhigen Tieres angekommen, saß ich mit einem gekonnten Schwung im Sattel und konnte meine Freude nicht mehr eindämmen: geschafft!

Mein Freund, Vitalia und Carlos fragten, ob alles ok sei. Dann ging es los. Romero schritt gewohnt vom Sandplatz. Und der feste Sattel, der mich an die richtige Körperhaltung erinnerte, meine Beine im festen Kontakt zum Pferdebauch, die Zügel in meiner Hand, legten sich schleichend aber drückend über meine Angst. Kurz darauf starteten wir den Ritt in äußerst unwegsames, sandiges Gelände, mitten durch den Nationalpark. Bergauf, bergab. Eins mit dem Pferd! Glühend brannte die Sonne auf meine Schultern, die Fliegen umkreisten unsere Gruppe, aber Romero war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Anfangs äußerst konzentriert auf Wurzeln und Unebenheiten sowie Sträucher, die unseren Weg säumten, machte die Anspannung der Freiheit Platz. Frei…und das, obwohl man doch an einen so kleinen, fixierten Sattel gebunden ist. Wieso fühlt man sich so frei? Weil man alle Möglichkeiten hätte… Loszutraben, die anderen hinter sich zu lassen. Fröhliches Geplapper von Franzosen und Spaniern mischte sich mit dem Schnauben der Pferde. Ein kleines Kaninchen hoppelte über unseren Weg durch den Sand.

Nadelbaum-Duft, Meeresrauschen, Hufgeklapper, Sonnenflimmern, das leise Flüstern des Windes. Ich habe mich getraut! Der nächste Ausritt ist in Planung 🙂

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