Wenn du weinst, ist es das Richtige!

Als kirchliche Trauzeugin meiner besten Freundin hat mich die Hochzeits-Vorbereitungsfront bisher größtenteils verschont. Heute ist allerdings der wichtigste Termin – ausgenommen der Hochzeit: Wir gehen Brautkleid shoppen! Und zwar genau ein Jahr im Voraus.

Zu überstürzt? Für die Braut sicherlich nicht. Sie soll das ganze Jahr als angehende Braut mit allen Facetten zelebrieren, ob Kleider probieren, Gästeliste schreiben, Einladungen gestalten, Festmenü testen, Band und Lieder auswählen, Brautjungfern-Kleider aussuchen, Blumenmädchen organisieren, den Pfarrer zur Gottesdienstgestaltung briefen oder Junggesellinnen-Abschied feiern.

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich mir, dass um die Hochzeit vielerorts so viel mehr Aufsehen betrieben wird als um das Leben danach. Dabei geht es am wichtigsten Tag des Lebens, lediglich um eben diesen einen Tag, die Ehe hingegen betrifft im Idealfall alle anderen Tage danach. Aktuell dreht sich natürlich der permanente Gedanke des Brautkleid-Prozesses in meinem Kopf schwindelig.


Während ich – zugegeben als Nicht-Braut – sicherlich einen anderen Fokus habe und GEGENWÄRTIG niiiiie so viel Geld für ein Kleid ausgeben würde, sondern lieber die Flitterwochen damit aufpolieren würde, unterstützt die Hochzeitsindustrie mit zahlreichen Mitteln (vor allem TV-Shows) die eigene Konjunktur.

Angefangen haben zahlreiche Sendungen aus den USA: Von “Mein perfektes Hochzeitskleid – Atlanta” über “my fair wedding” mit Hochzeitsplaner bis hin zu “four weddings” dem Hochzeits-Battle bekam jede TV-Show-Konsumentin einen untertitelten Vorgeschmack auf die deutschen Serien. Aktuell wechseln sich hierzulande nämlich Froonck der Weddingplaner in “Vier Hochzeiten und eine Traumreise”, die Verhandlungs-Expertin Daniela Katzenberger mit “Traumhochzeit zum Schnäppchenpreis” und die Crew von “Hochzeit auf den ersten Blick” – eine Show in der sich das angehende Liebespaar bei der eigenen Hochzeit zum ersten Mal sieht und dann für- bzw. gegeneinander entscheidet – auf den Kanälen des deutschen Privatfernsehens ab. Bestimmt habe ich die ein oder andere wichtige Sendung übersehen, aber ich seh vor lauter Tüll den Mann nicht mehr. Last but not least muss ich natürlich auch “Zwischen Tüll und Tränen” erwähnen. Dieser Titel suggeriert nämlich schon die Erkenntnis aller Bräute:

Wenn du weinst, dann ist es das richtige Kleid!


Ganz nüchtern betrachtet: Wird dieser Kleidungskauf nicht emotional vollständig überladen, weil die Medien bzw. die VerkäuferInnen in den Shows die Freudentränen eines anstehenden Lebensabschnitts als Verkaufsargument verwenden? Wieso ist es bei “Shopping Queen” mit Guido Maria Kretschmer nicht so, dass die Kandidatinnen weinen, wenn sie das Outfit für den Laufsteg gefunden haben? Freudentränen über EUR 500,- wären ja nicht unbedingt unangebracht. Nein, die Braut von heute gibt mehrere hundert, wenn nicht sogar mehrere tausend Euro für den Traum in weiß aus. Doch dem Geld, das man (statt in das Outfit für einen Tag) sicherlich auch gut in die Flitterwochen investieren könnte, wird nicht nach getrauert. Es werden Budgets überschritten, Schwiegereltern angepumpt, Dienstleistungen bei der Boutique angeboten, um genau dieses EINE KLEID zu bekommen.


Verschiebt sich unser Bild? Ist das Kleid das wichtigste bei einer Hochzeit? Ohne den Märchen-Prinzessinnen, die sich auf den schönsten Tag im Leben freuen, etwas absprechen zu wollen: Ist es nicht wichtiger, dem Zukünftigen bei der Hochzeit die Frau zu präsentieren, die man ist? Ist es nicht wertvoller, das folgende Eheleben lang, eine Prinzessin sein zu dürfen? Trösten sich die Bräute mit einem neuen Kleid über das mangelnde Gefühl hinweg, um wenigstens am Tag der Eheschließung diese Emotion zu bekommen?


Ich bin gespannt, wie viele Tränen der heutige Tag mit sich bringt. Ich lass mich gerne korrigieren und nehme natürlich ein paar Taschentücher mit! Schließlich habe ich schnupfen 😉

 

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